Theaterpreis Hamburg - Rolf Mares Preisträger*innen im Porträt:
Ute Hannig

 

von Heinrich Oehmsen

 

Eigentlich wollte Ute Hannig eine Woche lang wandern gehen. Doch dann wurden sie und ihr Mann Markus John für die Dramatisierung von Eine Frau flieht vor einer Nachricht am Deutschen SchauSpielHaus besetzt. Kurzerhand änderte Hannig die Reisepläne und buchte einen Kurztrip nach Israel. „Wenn man so ein Stück spielt, wollte ich wenigstens einmal in diesem Land gewesen sein, um nur den Hauch einer Ahnung zu bekommen, wie sich das Leben dort anfühlt“, erzählt sie bei einem Gespräch in der Kantine des Schauspielhauses.

Eine Frau flieht vor einer Nachricht / Deutsches SchauSpielHaus
Foto: Matthias Horn, 2020

In dem Roman, den der berühmte israelische Schriftsteller David Grossman 2008 geschrieben hat, geht es um eine Pilgerwanderung, in der eine Frau namens Ora ihrem ehemaligen Liebhaber Avram von dem gemeinsamen Sohn erzählt. Sie bangt um ihren Sohn, denn der muss gerade Militärdienst leisten – und Israel befindet sich wieder einmal im Krieg. Ute Hannig spielt die Ora. Für ihre außergewöhnliche Leistung wurde sie in diesem Jahr mit dem Theaterpreis Hamburg - Rolf Mares als "Herausragende Darstellerin" ausgezeichnet.

Grossmans Roman ist ein 800seitiges Meisterwerk und alles andere als einfach auf die Bühne zu bringen. Doch Regisseur Dušan David Parízek hat mit Ute Hannig, Markus John und Paul Herwig eine präzise und abgründige Fassung erarbeitet, die das Publikum nach pausenlosen 130 Minuten erst einmal sprachlos macht. „Wir haben das Stück jetzt 15 Mal gespielt und verabredet, dass wir es aushalten, wenn das Licht ausgeht und erst einmal niemand klatscht“, sagt Hannig. Das Publikum im Malersaal braucht nach diesem ergreifenden Spiel in nahezu jeder Vorstellung einige Momente, um die Fassung wieder zu erlangen.

Für Ute Hannig war die Arbeit an diesem Stoff und mit Parízek ein Geschenk, weil sie Grossmans Roman bereits nach dem Erscheinen gelesen hatte und den Autoren sehr schätzt. Auch mit Parízek hat sie in der Vergangenheit schon sehr gerne gearbeitet. Der wiederum hatte mit Kommt ein Pferd in die Bar bereits 2018 bei den Salzburger Festspielen einen anderen Roman von Grossman auf die Bühne gebracht. „Es war ein schöner Probenrhythmus, weil wir oft zusammen gesessen und gemeinsam überlegt haben, was und wie wir die Geschichte erzählen wollen. Jeder hat Vorschläge für die Fassung erarbeitet und dann haben wir die Teile zusammengefügt“, beschreibt Hannig die Arbeit.

Die Rolle der Ora ist für Hannig eine große Herausforderung: Sie hat etwa 60 Prozent des Textes und muss deren Familiengeschichte fast nebenbei erzählen. Denn außer der Angst um ihren Sohn erzählt Eine Frau flieht vor einer Nachricht auch vom Auseinanderfallen einer Familie im Krieg und was das mit den Menschen macht. „Ich muss die Geschichte mit viel Sprechen am Laufen halten und außerdem eine Frau spielen, die alle Fäden in der Hand hält. Und ich muss gleichzeitig einen Freiraum für meine Figur schaffen, in der auch Platz für Oras destruktiven Gedanken, ihr Nicht-Funktionieren ist“, beschreibt sie die Schwierigkeit ihrer Arbeit. Vier Tage lang war David Grossman in Hamburg bei den Proben dabei. „Das hat uns sehr geholfen. Grossman hat viel von Israel erzählt, von der täglichen Angst und davon, dass er noch keinen Tag in seinem Leben in Frieden gehabt hat“, berichtet Hannig. Die Angst seiner Romanfigur vor dem Verlust eines Kindes hat Grossman am eigenen Leib erfahren, während er Eine Frau flieht vor einer Nachricht geschrieben hat: Im August 2006 fiel sein zweitgeborener Sohn Uri bei einem Einsatz im Südlibanon.

Ute Hannig hält die Inszenierung von Grossmans Roman für ein wichtiges Thema: „Theater ist dafür da, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir haben die Aufgabe, Themen aus aller Welt hierher zu tragen und Diskurse zu eröffnen.“ Durch die gegenwärtige Corona-Krise und die Schließung der Theater ist der Spielplan ziemlich durcheinander geraten. Hannig hat im Frühjahr bis zur Generalprobe Coolhaze mit dem Studio Braun geprobt, weiß aber nicht, wann das Stück Premiere feiern wird. „Wir streamen jetzt ein paar Vorstellungen live, das scheint mir im Moment die bestmögliche Alternative,“ so die Theaterpreis Hambburg - Rolf Mares-Preisträgerin.

Ergänzend zu Eine Frau flieht vor einer Nachricht hat Hannig in der vergangenen Woche zusammen mit Markus John und Paul Herwig eine „Israel-Reise“ gedreht: „Wir lesen Texte von Grossman und Amos Oz sowie ein paar politische Texte, telefonieren per Skype mit David Grossmann und werden das etwa 45-minütge Programm auf die Website stellen. Nur Netflix und Shoppen ist in dieser Zeit doch etwas zu wenig.“

Ute Hannig
Foto: W. Bartsch

 

 

Über Ute Hannig
Geboren 1972 in Hamburg. Schauspielstudium an der Hochschule der Künste in Berlin. 1997 spielte sie in Grillparzers Libussa bei den Salzburger Festspielen (Regie: Peter Stein). Von 1997 bis 2000 war sie am Schauspiel Köln engagiert, von 2000 bis 2005 am Schauspiel Stuttgart. Sie arbeitete u. a. mit Stephan Kimmig, Karin Henkel, Hasko Weber und Volker Lösch zusammen. 2005 wechselte sie ans Deutsche SchauSpielHaus. Hier arbeitete sie u. a. mit Jürgen Gosch und Ivo van Hove. Sie spielte u. a. die Medea (Regie: Karin Henkel), Arkadina in Die Möwe (Regie: Alice Buddeberg) und Ada von Stetten in Zur schönen Aussicht (Regie: Martin Kušej). An den Staatstheatern Stuttgart gastierte sie in der Hauptrolle der Selma in Dancer in the Dark (Regie: Christian Brey).