Lessingtage 2018: Um alles in der Welt

Internationale Gastspiele am Thalia Theater und die Premiere von Kleists „Michael Kohlhaas“

von Heinrich Oehmsen

Im sich dem Ende zuneigenden Jahr standen die Lessingtage etwas im Schatten des Großfestivals „Theater der Welt“, an dem das Thalia Theater und sein Intendant Joachim Lux entscheidend mitgewirkt haben. Die Lessingtage 2018 sind mit 17 Spieltagen wieder deutlich länger und markieren vom 19. Januar bis zum 4. Februar den Auftakt in ein spannendes neues Theaterjahr mit herausragenden Gastspielen aus ganz Europa und eigenen Produktionen.

Über die thematische Ausrichtung der neunten Lessingtage sagen Thalia-Intendant Joachim Lux und Chefdramaturgin Julia Lochte: „Ganz offenbar ist die hohe Kunst der Demokratie in Gefahr. Künstler in ganz Europa reagieren hierauf und sind, ebenso wie Journalisten, in vielen Ländern bedroht. Wir widmen die Lessingtage 2018 allen verfolgten Künstlerinnen und Künstlern und Intellektuellen und erinnern daran, dass viele von ihnen mit Arbeitsverbot belegt werden, in Haft sind oder im Exil leben müssen und nur noch unter persönlichem Risiko in der Öffentlichkeit auftreten können.

Da macht es Sinn, dass die Eröffnungsrede von dem türkischen, zurzeit im deutschen Exil lebenden Journalisten und Autor Can Dündar gehalten wird (21.1., 11 Uhr, Thalia Theater). Dündar wurde 2016 in der Türkei wegen Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen zu einer Haft von fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt. Anfang Juli reiste der ehemalige Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet nach Deutschland aus, wo er zurzeit lebt und arbeitet.

Mit dem Schriftsteller und habilitierten Orientalisten Navid Kermani kommt ein langjähriger Freund des Thalia Theaters zu den Lessingtagen. Kermani wird gemeinsam unter anderem mit Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sein neues Buch „Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan“ vorstellen (26.01., 20 Uhr, Thalia Theater). Diese Reportagen aus Krisengebieten sind auch Ausgangspunkt für sein zehntes „Herzzentrum“. Als Ort dieser Lese-Performance, die schon in einem Riesenrad, einer Moschee und einem Bordell gastierte, ist die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im Helmesbergerweg 23 in Meiendorf (27.1., 19 Uhr). Von 18.15 Uhr bringt ein Bus-Shuttle Teilnehmer von 18.15 Uhr an vom U-Bahnhof Meiendorf zum Veranstaltungsort.

 

Rückkehr nach Reims
Foto: Arno Declair
 

Auch einige Schauspielstars gastieren während der Lessingtage in Hamburg. Mit der Schaubühne aus Berlin kommt Nina Hoss nach Hamburg, eine der herausragenden deutschen Theater- und Filmschauspielerinnen. Sie spielt in „Rückkehr nach Reims“, inszeniert von Thomas Ostermeier, ein Solo, das auf Texten des Soziologen Didier Eribon basiert. Eribons Bestseller beschäftigt sich mit den sozialen Klassen und erklärt, warum viele Arbeiter von der Linken zur rechtspopulistischen Bewegung des Front National übergelaufen sind (20.1., 19.30 Uhr, Thalia Theater).
Aus Wien kommt Joachim Meyerhoff ans Thalia. Am Burgtheater hat Jette Steckel Hendrik Ibsens „Ein Volksfeind“ mit Meyerhoff in der Hauptrolle inszeniert. Seine Gegenspieler sind Mirko Kreibich aus dem Thalia-Ensemble sowie Ole Lagerpusch und Ignaz Kirchner (1.2., 20 Uhr, 2.2., 19 Uhr, Thalia Theater).

 

Michael Kohlhaas
Foto: Armin Smailovic

Im Rahmen der Lessingtage steht auch die nächste Premiere an. Antú Romero Nunes inszeniert Heinrich von Kleists Drama „Michael Kohlhaas“. Nur mit den Schauspielern Jörg Pohl, Thomas Niehaus und Paul Schröder setzt Nunes die Geschichte des Rebellen Kohlhaas um, dem Unrecht geschieht und der sich dagegen wehrt, allerdings selbst Unrecht begeht. „Er scheitert und gewinnt. Beides! Das ist der Witz an der Sache“, sagt der Regisseur über den berühmten Rosshändler (21.1., 19 Uhr, 27.1., 19.30 Uhr, Thalia Theater).

 

 

1993
Foto: Jean Louis Fernandez

Als ein Star des jungen französischen Theaters gilt der Regisseur Julien Gosselin. Er gastiert mit dem Théatre National de Strasbourg und dem Stück „1993“ von Aurélien Bellanger in Hamburg. Zusammen mit zwölf jungen SchauspielerInnen und dem Autoren Bellanger hat Gosselin das Stück entwickelt. Darin geht es um französische Jugendliche des Jahrgangs 1993 und ihre Sicht auf das heutige Europa. Zentrale Rollen spielen dabei der physikalische Teilchenbeschleuniger CERN und der Eurotunnel, der Frankreich und England miteinander verbindet. Neben dem Tunnel in Coquelles lag der „Dschungel von Calais“, von dem aus Tausende von Geflüchteten versucht haben, unter dem Ärmelkanal hindurch nach Großbritannien zu kommen (24./25.1., 19.30 Uhr, Thalia Theater).

 

Winterreise
Foto: Ute Langkafel MAIFOTO

In Berlin am Maxim Gorki Theater entstand die Produktion „Hymne an die Liebe“. Es ist der dritte Teil eines Tryptichons, das Marta Górnicka entworfen hat, die Meisterin eines neuen zeitgenössischen chorischen Theaters (21.1., 17 und 20 Uhr, Thalia Gaußstraße). Auch das neu gegründete Exil Ensemble des Gorki Theaters kommt mit „Winterreise“ von Yael Ronen. Die Hausregisseurin am Gorki Theater gastiert bereits mit dritten Mal mit einer Produktion bei den Lessingtagen (27.1., 20 Uhr, 28.1., 19 Uhr, Thalia Gaußstraße).

 

 

Imitation of Life
Foto: Marcel Rév

Aus Athen reist die Produktion „Clean City“ an. Das Gegenwartsstück geht der Frage nach: Wer macht eigentlich dieses Land Tag für Tag sauber? Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris lassen die Antwort von fünf Putzfrauen aus Bulgarien, den Philippinen, Albanien, Moldawien und Südafrika geben (23./24.1., 20 Uhr Thalia Gaußstraße). Schließlich gastiert auch das Troton Theatre aus Budapest am Thalia. Konél Mundruczó, der am Thalia gerade Hauptmanns „Weber“ inszeniert hat, präsentiert sein „Imitation of Life“, das die Geschichte einer Roma-Familie erzählt (30.1., 19.30 Uhr, Thalia Theater).

 

 

Wie jedes Jahr wird zum Ende der Lessingtage die Lange Nacht der Weltreligionen gefeiert. In diesem Jahr steht bei dem Abend mit Diskussionen, Lesungen und Musik Björn Bickers Text „Was glaubt ihr denn? Urban Prayers“ im Mittelpunkt (3.2., 19 Uhr, Thalia Theater).